Nachtgeschichten69

Der Schuldschein

Eingesendet von Feline 01.04.2026 1 Aufrufe

„Schön ist der“ sagte sie ganz hingerissen und liess den Seidenschal

durch ihre Hände gleiten. Das war er wirklich. In allen Herbstfarben,

die die fernöstliche Textilindustrie der europäischen Natur abgeschaut

hatte. Und so leicht, dass er sich in ihrer Hand anfühlte wie eine

Feder.

„Du musst ihn aber bezahlen“, meinte ihr Freund. Das ernüchterte

sie etwas. Wie kam er auf die Idee? Sie war sicher gewesen, dass er

ihr dieses Andenken von seiner Reise als Geschenk mitgebracht

hatte.

„Na was hat er denn gekostet?“ fragte sie und schluckte ihren Ärger

herunter. Sie war froh, ihren Freund nach all den Wochen endlich

wiederzusehen und wurde schon langsam ungeduldig. Sie roch den

Duft seiner Haut, und sie wollte jetzt endlich seine Hände spüren und

ihren nackten Körper an seinen drücken, und dann eins mit ihm

werden – ganz schnell. Und ganz lang. Und ganz wild.

„Fünfzehn Dollar“ sagte der schöne Mann an ihrer Seite. Wenn sie

nicht so verärgert gewesen wäre, hätte sie das Lachen in seiner

Stimme bemerkt. Aber sie war verärgert, und es entging ihr. „Aber

lass dein Geldtäschchen stecken. Ich habe mir etwas anderes

überlegt, wie du dich erkenntlich erweisen kannst. Ich dachte mir,

hmmm, nun ich dachte mir, du bist so nett und unterschreibst einen

Schuldschein, und sobald ich weiss, wie, dann arbeitest du den Schal

ab.“

„Seltsame Idee,“, dachte sie. Was war mit ihrem Freund passiert?

Es machte doch sonst nicht solche seltsamen Vorschläge. Aber da war

sein Duft, da war sein Körper gleich neben ihrem, und da waren die

Ungeduld und der Hunger in ihrem Leib, in ihrem Herzen. „Jetzt nur

keinen Streit“, beruhigte sie sich. Die Angelegenheit würde sich schon

klären.

Sie klärte sich aber vorerst keineswegs, sondern alles wurde nur

noch seltsamer. Ihr Freund drehte sich um, verschwand in seinem

Arbeitszimmer und liess sie im Flur stehen. Augenblicklich kam er mit

einem Blatt Papier zurück. SCHULDSCHEIN, stand darauf. Und dann

ging es weiter: „Hiermit verpflichtet sich“ – dann kam ihr Name – „den

am 27. September 2023 von“ – der Name ihres Freundes –

„überreichten Seidenschal innerhalb der nächsten sechs Monate

abzuarbeiten. Die Entgeltung ist abzuleisten durch eine Tätigkeit der

Wahl des Überbringers.“

So ein Juristendeutsch. Was war ihm da bloss eingefallen? Wenn sie

diese seltsame Situation nicht augenblicklich beendete, würde ihre

Lust sich in Nichts auflösen. Also griff sie wortlos nach dem

dargereichten Kugelschreiber und setzte ihre Unterschrift unter das

seltsamste Dokument, das sie jemals gesehen hatte.

Und dann dauerte es eine Weile, bis die alten Gefühle sich wieder

einstellten und ihre Gereiztheit verflog. Aber schliesslich gewann der

Hunger die Oberhand, der Hunger auf seine Haut, seine Hände, die

immer noch zaubern konnten und sie nur berühren mussten, um sie

vor Verlangen aufstöhnen zu lassen, und der Hunger darauf, ihn in

sich zu spüren, sein Gesicht zu sehen, wenn er sich in ihr verlor,

zuzusehen, wie er sich an ihr berauschte. Es war so, wie sie es

erwartet hatte nach der langen Zeit der Trennung, so wie es immer

gewesen war, wenn er von einer seiner Reisen zurück kehrte. Und als

sie schliesslich erschöpft einschlief, ihr Gesicht an seiner Schulter

geborgen, ihre Hand auf seiner Hüfte und seine Hand auf ihrer Brust,

hatte sie den Schuldschein vergessen – und den Schal auch.

Danach ging es mit ihnen weiter, wie es schon lange gegangen war

– sie trafen sich, liebten sich, schliefen miteinander ein und setzten

ihre Spiele am nächsten Morgen fort. So wie es eben war, so wie es

sein soll. Den Schal sah sie nicht wieder. Sie dachte auch nicht mehr

daran.

An einem regnerischen Abend im Dezember kam sie zu ihm,

verfroren, mit feuchtem Haar, und nahm sehr gern ein Glas Glühwein

entgegen, das er schon vorbereitet hatte. Es gab vieles, was sie an

ihm schätzte – seine Einfühlsamkeit gehörte dazu. Sie freute sich auf

die Nacht, auf ihn, und es fiel ihr nicht auf, dass er nichts trank.

Es fiel ihr auch nicht auf, dass sie sich nach dem Wein seltsam leicht

fühlte, beinahe als schwebe sie. Sie lachte, als er sie bei der Hand

nahm und in das Zimmer führte, in dem sie sich immer liebten. Es

war ein schönes Zimmer, ganz in Rot- und Orangetönen gehalten und

an diesem Abend von einem sinnlichen, aromatischen Duft erfüllt. Er

zog sie aus, langsam, steigerte ihre Erregung, und dann zog er sich

selbst aus, liess sie zusehen, neckte sie, indem er absichtlich Zeit

vertändelte. Dann, als sie nackt waren, griff er unter das Bett und

hielt den Schal in der Hand.

„Der gehört dir“, sagte er, und das Lachen in seiner Stimme war

nicht zu überhören. Das schalkhafte Funkeln in seinen Augen war

ebenso wenig zu übersehen. „Jedenfalls fast. Es gab doch da

irgendwas, erinnerst du dich, ein Dokument, das du unterschrieben

hast. Jetzt ist es Zeit, dass du den Vertrag erfüllst.“ Sie erschrak. War

das noch ein Spiel? Leises Unbehagen breitete sich in ihr aus, als er

den Schal nahm und um ihre Augen band. Die Seide fühlte sich

aufreizend heiss an, aber das Unbehagen war noch da. Es wuchs

sogar. Sie wollte die Arme heben und den Schal von ihren Augen

streifen, aber sie fühlte, wie er nach ihren Händen griff und sie hielt.

Der Griff war fest, und sie fühlte sich träge und kraftlos, obwohl das

Gefühl der Leichtigkeit noch da war. Ein Teil von ihr, irgendwo tief in

ihrem Verstand, wollte sich wehren, aber der weitaus grössere Teil

von ihr war schläfrig und willenlos. Hände drückten sie auf das Bett.

Sie blieb liegen, viel zu träge, um aufzustehen, sogar zu träge, um

irgendetwas zu denken. Sie spürte, wie er aufstand und hörte seine

nackten Füsse auf dem Teppich. Er ging hinaus und schloss die Tür.

Sie lag da, in der Wärme und dem Duft des Zimmers, ohne

Zeitgefühl, und sie befand sich schon an der Grenze des Schlafs, als

die Schritte plötzlich wiederkehrten. Sie fühlte, wie sich ein Körper

neben sie legte, sie hörte leise Atemzüge – sie waren rasch und tief,

beruhigten sich aber bald, so als sei er gelaufen und käme nun

langsam wieder zu Atem. Dann fühlte sie den Atem auch: ganz zart

hauchte er auf ihren Hals, liess seinen Atem dann tiefer gleiten, die

Mittellinie ihres Körpers hinab, verweilte ein wenig zwischen den

Brüsten und blies dann Spiralen und Kreise auf ihren Bauch. Mal war

der Atem kühl, mal warm. Sie wollte nach seinen Schultern greifen

und ihn an sich ziehen, aber sie war noch immer so träge, dass sie

sich statt dessen ganz dem verspielten Atem hingab.

Eine Fingerspitze löste den Atem bald ab – aber sie berührte ihre Haut

nicht wirklich, sie kam nur so nahe, dass sie die Wärme und das

schwache elektrische Prickeln spüren konnte, das zwischen Haut

und Haut floss,um sich dann wieder zu entziehen und sie verlangend

zurück zu lassen. Die Intensität der Empfindung überraschte sie; nun, da

sie nichts sah, schienen ihre anderen Sinne aufs Äusserste geschärft. Als

die Fingerspitze sie dann tatsächlich berührte, zuckte sie zusammen;

Kälte lief über ihre Haut und wurde gleich darauf von Wärme

abgelöst. Der Finger umkreiste mit leichten Druck ihre Brüste, und sie

spürte, wie die Knospen sich aufrichteten. Der Druck verstärkte sich,

und dann umkreisten drei oder vier Finger die eine Knospe und ein

saugender Mund legte sich auf die andere. Der Mund war heiss,

verlangend, und sie tat nichts dagegen, dass sich ihr Körper jenem

anderen Körper entgegen bog.

Sie begehrte ihn jetzt so sehr, dass es fast schmerzte. Ihre Haut

brannte, ihr Inneres ebenfalls. Sie wollte ihn, jetzt, ganz und gar,

wollte, dass er sie nahm, hart und gierig, wollte ein Leib mit ihm sein

und ein Atem. Aber er zog das Spiel in die Länge, küsste sie nun auf

den Bauch und glitt dann tiefer zwischen ihre Schenkel, seine Zunge

spielte lange an jenem Ort, der so ungeduldig auf mehr wartete, dass

sie es kaum ertrug.

Und dann lag er auf ihr, plötzlich und überraschend, und nun hatte

sie genug Kraft, ihre Arme um seine Schultern zu schlingen und ihre

Beine um seine Hüften. Sie wollte den Geruch seiner Haut tief

einatmen, sich ganz damit erfüllen, aber es war unmöglich, die

anderen Düfte im Zimmer überlagerten alles. Jedoch wurde sie

entschädigt: Mit einem harten, schnellen Stoss drang er in sie ein, so

schnell, dass sie keine Gelegenheit hatte, ihm entgegen zu kommen.

Dann bewegte er sich lange Zeit nicht, während ihre Erregung wuchs

und wuchs, und als er dann wieder zustiess, geschah es sanft. Auch

das war eine Überraschung.

So spielte er eine Weile mit ihr, und sie ergab sich dem Spiel und

dem Erstaunen, der neuen Erfahrung, nichts zu sehen und alle

anderen Sinne in übersteigerter Schärfe zu erfahren.

Sie fühlte Hände in ihrem Haar, Finger zogen sanft daran und

kreisten dann auf ihrer Stirn, fuhren ihre Augenbrauen nach und

folgten dem Schwung ihrer Wangenknochen, erkundeten dann ihre

Nase und ihren Mund. Und er war immer noch in ihr, spielte weiter,

überraschte sie, und es war eine wiederum neue, verwirrende

Erfahrung, nun an verschiedenen Stellen ihres Körpers berührt zu

werden.

Plötzliches Erschrecken durchfuhr sie eisig. Da waren Hände auf

ihrem Gesicht. Und da waren Hände unter ihren Schultern. Da war

ein verspielter Schwanz in ihrem Leib und da schob sich ein anderer

Schwanz in ihren Mund, langsam und tastend, als ob er ihr

Einverständnis einholen wolle. „Das kann nicht sein“, dachte sie, „es

muss am Wein liegen. Deshalb habe ich mich so leicht gefühlt, und so

träge.“ Und der Wein hatte noch eine andere Wirkung: er löste das

Erschrecken auf. Es wandelte sich in Neugier, und wenn da nichts in

ihrem Mund gewesen wäre, hätte sie gelacht. Aber da war etwas in

ihrem Mund, und sie schloss ihre Lippen darum und zog es tief in ihre

Kehle, gab ihr Einverständnis und spielte dasselbe Spiel, das ein

Mann unten mit ihr spielte, mit dem anderen oben. So wie sie unten

gestossen wurde, sog sie den anderen mit ihrem Mund ein, sich

langsam steigernd, bis drei Körper sich im selben Rhythmus

bewegten.

Plötzlich waren sie fort, ihr Körper war allein, unvorbereitet, nicht

einmal Hände berührten sie mehr. Sie fröstelte, erstaunt über die

unerwartete Leere, und dann erfreut über die ebenso unerwartete

neue Berührung. Nun waren es gleich zu Beginn zwei, und sie

spürte, dann sie ihre Plätze getauscht hatten. Sie fühlten sich

anders an: der, der sie unten gestossen hatte, war jetzt in ihrem

Mund. Und sie taten andere Dinge, sie spielten nicht mehr,

sondern sie fanden den Rhythmus und

steigerten ihn, wurden härter, drängender, vier Hände hielten sie mit

festem Griff, und als sie sich nun dem, der unten war, entgegen bog,

packte er ihre Hüften und zog sie an sich, war so tief in ihr wie es nur

irgend möglich war, und ihr Schrei liess den in ihrem Mund plötzlich

frei. Sie spürte, wie der in ihr sich dem Höhepunkt näherte, zugleich

mit ihr, und als sie kamen, sich aneinander klammernd, zu einem

Leib verschmelzend, fühlte sie etwas Heisses rhythmisch auf ihre

Brüste spr*tzen.

Dann waren sie still, alle, und sie hörte die Atemzüge, ihre eigenen

und die der anderen, sich langsam beruhigen. Vier Hände berührten

sie noch immer, und ihre Hände berührten zwei Körper. Sie fühlte

sich noch immer zugleich schlaff und leicht, aber das kam nun nicht

mehr vom Wein. Es war die Entspannung, die sich nach gutem und

ausgedehntem Sex einstellt.

Sanft näherte sie sich der Grenze des Schlafs, und kurz

bevor sie hinüberglitt, spürte sie, wie beide aufstanden und

hörte beider Schritte zur Tür gehen.

Sie war tatsächlich eingeschlafen und erwachte mit einem kleinen

Schreck, als sie wieder jemanden spürte, der sich neben sie legte.

Hände liebkosten zart ihr Gesicht, und ein vertrauter Duft liess sie tief

Atem holen. Jemand streifte ihr den Schal von den Augen, und sie

blickte in das lächelnde Gesicht ihres Freundes.

„Gute Arbeit“, flüsterte er, und sie lachte leise und schmiegte sich

an ihn. So schliefen sie ein.

„Sag mal“, meinte sie am nächsten Morgen, als sie ganz langsam

aufwachten und ihre zärtlichen, schlaftrunkenen Morgenspiele

spielten. „Warst du gestern eigentlich dabei?“

Er lächelte. „War ich dabei? Diese Frage, schöne Frau, wird für dich

auf immer unbeantwortet bleiben.“ - „Das stand aber nicht auf dem

Schuldschein“, sagte sie und glitt auf ihn. Sie griff nach dem Schal

und schlang ihn sich um den Hals. „Seide ist ja schön“, meinte sie,

„aber sie verschleisst sehr schnell. Bringst du mir nächsten Mal

wieder einen mit?“

Kommentar senden
Kommentare
Noch keine Einträge